Strukturelle Sicherheit
Strukturelle Sicherheit beruht auf kontrollierter Verformung. Die Karosserie muss Aufprallenergie außerhalb der Fahrgastzelle aufnehmen und umleiten, nutzbaren Überlebensraum bewahren und das Rückhaltesystem sowie die Hochvoltbatterie innerhalb ihrer Konstruktionsgrenzen halten.
Steif, wo nötig, verformbar, wo sinnvoll
Eine sichere Karosserie ist nicht einfach die steifste. Die Knautschstrukturen vorn und hinten müssen sich schrittweise verformen, damit das Fahrzeug seine Geschwindigkeit über mehr Zeit und Weg abbaut. Rund um die Insassen benötigt die Fahrgastzelle genügend Festigkeit, um das Eindringen zu begrenzen und Türen, Sitze, Gurte und Airbags in funktionsfähigen Positionen zu halten.
Ingenieure schaffen mehrere Lastpfade über Längsträger, Hilfsrahmen, Schweller, Querträger, Säulen, Dachholme und Boden. Bei Unfällen mit voller, mittlerer oder geringer Überdeckung sowie bei Seiten-, Heck-, Pfahl-, Überschlag- und Unterfahrunfällen werden unterschiedliche Pfade beansprucht. Eine Konstruktion, die in einer Richtung gut abschneidet, kann in einer anderen dennoch eine Schwäche haben.
Die wichtigsten Aufgaben sind:
- Den Crashimpuls steuern: sich schrittweise verformen, statt die Fahrgastzelle abrupt abzubremsen.
- Den Überlebensraum bewahren: die Bewegung von Lenksäule, Pedalen, Armaturenbrett, Türen, Dach und Boden in den Innenraum begrenzen.
- Die Rückhaltesysteme unterstützen: Gurtverankerungen, Sitze und Airbag-Entfaltungsbereiche in den Positionen halten, auf die sie abgestimmt wurden.
- Andere Verkehrsteilnehmer schützen: die Kompatibilität mit Fahrzeugen unterschiedlicher Größe und Masse steuern und schädliche äußere Kontakte für Fußgänger und Radfahrer verringern.
Seitenaufprall und Insassenraum
Bei einem Seitenaufprall gibt es zwischen dem auftreffenden Objekt und dem Insassen nur wenig Knautschweg. Schweller, B-Säule, Dachholm, Türverstärkungen, Bodenquerträger, Sitzstruktur und Seitenairbags müssen die Aufgabe gemeinsam bewältigen. Pfahltests konzentrieren die Kraft auf einen schmalen Bereich, während Tests der stoßabgewandten Seite die Bewegung zur Fahrzeugmitte untersuchen.
Bei einem Elektroauto mit Skateboard-Plattform ist die Seitenstruktur besonders wichtig, weil das Batteriepaket normalerweise einen großen Teil des Bodens zwischen den Achsen ausfüllt. Die Konstruktion muss sowohl das Eindringen in die Fahrgastzelle als auch die Verformung des Batteriegehäuses begrenzen.
Schutz der Traktionsbatterie
Das Batteriegehäuse ist Teil eines mehrschichtigen Schutzsystems. Je nach Plattform kann es eine herausnehmbare Baugruppe sein oder direkter zur Karosseriesteifigkeit beitragen. Umliegende Schweller und Querträger leiten Seitenlasten um, Unterbodenschilde halten Fahrbahntrümmern stand, und Paketrahmen sowie Gehäuseabschnitte steuern lokale Verformungen.
Mechanischer Schutz ist nur eine Ebene. Das Batteriemanagementsystem überwacht Zellen und Isolation, während Schütze oder pyrotechnische Vorrichtungen den Hochvoltbus nach einem entsprechend schweren Unfall trennen können. Vorschriften behandeln Stromschlag, Elektrolytaustritt, Feuer, mechanische Integrität, Schwingung, Temperatur und das Risiko thermischer Ausbreitung. Batteriesicherheit erläutert diese Schutzmaßnahmen auf Batterieebene ausführlich.
Das Eindringen in das Batteriepaket ist nicht der einzige wichtige Messwert. Eine beschädigte Zelle kann ohne erkennbare äußere Verformung einen internen Kurzschluss entwickeln. Ein Fahrzeug, das einen schweren Unterboden- oder Seitenaufprall erlitten hat, muss möglicherweise gemäß den Notfall- und Reparaturvorgaben des Herstellers isoliert, geprüft und überwacht werden.
Wie die EV-Architektur die Aufgabe verändert
Eine Elektrofahrzeugplattform bietet Ingenieuren andere Möglichkeiten und Einschränkungen:
- Der Wegfall eines Verbrennungsmotors kann vorne Bauraum schaffen, doch Lenkung, Fahrwerk, Klimaanlage, Ladetechnik, Leistungselektronik und Crashstrukturen konkurrieren weiterhin um Platz.
- Ein tief montiertes Batteriepaket senkt meist den Schwerpunkt und kann dadurch die Überschlagneigung verringern; Dachfestigkeit und Insassenrückhalt bleiben dennoch notwendig.
- Das Paket und sein Gehäuse können die Bodensteifigkeit erhöhen, doch das Ergebnis hängt davon ab, wie Karosserie und Paket verbunden sind und wie Lasten übertragen werden.
- Elektroautos sind im Verhältnis zu ihren Außenabmessungen oft schwer. Mehr Masse kann die Insassen bei einer Kollision mit einem leichteren Fahrzeug schützen, während sie die Kräfte auf das andere Fahrzeug erhöht; deshalb ist Unfallkompatibilität wichtig.
- Der flache Boden kann Sitzposition und Oberschenkelauflage verändern, was die Abstimmung von Gurt, Sitz und Airbag berücksichtigen muss.
Dies sind technische Ausgangsbedingungen, kein Beweis dafür, dass jedes Elektroauto sicherer ist als jedes Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Das Ergebnis muss für das genaue Modell geprüft werden.
Entwicklung und Erprobung der strukturellen Sicherheit bei Mercedes-Benz. Mercedes-Benz / YouTube.
Werkstoffe und Fertigung
Moderne Karosserien kombinieren weichen Stahl, hochentwickelte und pressgehärtete Stähle, Aluminiumguss und -profile, Klebstoffe, Punktschweißungen, Nieten und maßgeschneiderte Bleche. Die Werkstoffgüte wird für eine lokale Aufgabe gewählt: kontrollierte Faltung, hochfeste Verstärkung, Verbindungsstabilität, Korrosionsbeständigkeit, Fertigbarkeit oder Reparatur.
Große Gussteile und strukturelle Batteriekonzepte können die Teilezahl verringern und Lastpfade verändern, doch beides ist nicht automatisch sicherer. Verbindungskonstruktion, Gussqualität, Rissverhalten, Redundanz, austauschbare Crashboxen und die vollständig getestete Struktur bestimmen die Leistung.
Mithilfe von Computersimulationen können Ingenieure viele Aufprallkonfigurationen untersuchen, bevor physische Prototypen existieren. Physische Komponenten-, Schlitten-, Barriere-, Pfahl- und Fahrzeug-gegen-Fahrzeug-Tests bleiben unverzichtbar, weil die Modelle mit realen Werkstoffen, Verbindungen, Dummys und Versagensarten abgeglichen werden müssen.
Was Crashtests zeigen
Ein Crashtestvideo kann dramatisch aussehen, obwohl die Struktur wie vorgesehen funktioniert. Aussagekräftig sind unter anderem der gemessene Crashimpuls, das Eindringen im Fußraum und an den Säulen, die Verformung der Türöffnungen, Verletzungsmesswerte der Dummys, das Zusammenspiel der Rückhaltesysteme, der Batteriezustand sowie die Funktion von Türen und Notfallsystemen nach dem Aufprall.
Tests mit geringer Überdeckung sind besonders aufschlussreich, weil der Aufprall an den Hauptlängsträgern vorbeigehen kann. Das IIHS berichtet, dass Fahrzeuge mit guter Leistung in seiner fahrerseitigen Prüfung mit geringer Überdeckung bei realen Frontalunfällen ein niedrigeres Todesrisiko für den Fahrer gezeigt haben als schlecht bewertete Fahrzeuge.
Crashtest eines Chevrolet Bel Air von 1959 gegen einen Chevrolet Malibu von 2009. IIHS / YouTube.
Fahrzeug-gegen-Fahrzeug-Crashtest eines Toyota Corolla von 1998 gegen einen Toyota Corolla von 2015. Global NCAP / YouTube.
Die Vergleichsvideos zeigen auch, warum das Fahrzeugalter wichtig ist. Stabilere Fahrgastzellen, verbesserte Lastpfade und abgestimmte Rückhaltesysteme haben die Unfallfolgen erheblich verändert. Ergebnisse mit unterschiedlichen Massen und Testkonfigurationen müssen dennoch sorgfältig interpretiert werden.
Reparierbarkeit gehört zur Konstruktion
Nach einem Unfall bedeutet eine sichere Reparatur, Lastpfade, Verbindungen, Korrosionsschutz, Sensorbefestigungspunkte und Batterieisolation wiederherzustellen – nicht bloß das Äußere gerade aussehen zu lassen. Manche Konstruktionen verwenden austauschbare Crashboxen oder abschnittsweise Reparaturverfahren; andere erfordern den Austausch eines großen Gussteils, Trägers oder Batteriegehäuses.
Prüfen Sie vor dem Kauf oder der Reparatur eines beschädigten Elektroautos das Strukturreparaturhandbuch des Herstellers, das Hochvoltverfahren, Messvorgaben, Klebstoff- und Befestigungsspezifikationen sowie Anweisungen zur Sensorkalibrierung. Eine mangelhafte Reparatur kann sowohl die passive Sicherheit als auch die ADAS-Leistung beeinträchtigen.
Siehe Sicherheitsgurte und Airbags zu den von der Karosserie getragenen Rückhaltesystemen sowie Crashtests und Sicherheitsbewertungen zu den Tests, mit denen das Gesamtfahrzeug bewertet wird.